Nährstoff-Konzept für die Generation 50+ nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen

Fachkreise

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Ab dem 50. Lebensjahr verliert der gesunde Mensch pro Jahr durchschnittlich 1 % bis 2 % seiner Muskelmasse und damit auch Muskelkraft. Die Folgen im Laufe des Alterungsprozesses sind gravierend. Leider werden die Auswirkungen häufig erst wahrgenommen, wenn Gegenmaßnahmen nur noch begrenzten Erfolg zeigen.

  • Was kann man für ältere Menschen aus therapeutischer Sicht tun, um dem multidimensionalen Alterssyndrom Frailty mit Auswirkungen wie Muskelmasseverlust (Sarkopenie), Kraft- und Gewichtsverlust, Gangunsicherheit sowie Vergesslichkeit vorzubeugen?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, Mangelernährung zu Hause und in stationären Einrichtungen entgegenzuwirken?
  • Wie lässt sich die körperliche und geistige Konstitution von älteren Menschen langfristig erhalten oder verbessern?


Mit diesen und anderen Fragen befassen sich die Apotheker Dr. Andreas Madaus und Dr. Thomas Lauscher zusammen mit einem fachkundigen Kreis aus Ernährungswissenschaftlern, Sportmedizinern, Neurologen, Gerontologen, Orthopäden und Osteologen.

Die in kontinuierlicher Entwicklung befindliche Seite, die das Thema Alterung aus der Perspektive unterschiedlicher Fachrichtungen beleuchtet, liefert Ihnen Antworten, wie gesunde Ernährung, Bewegung und soziale Komponenten dazu beitragen können, bis ins hohe Alter körperlich und geistig fit zu bleiben. Sie erhalten fachkundige, gut aufbereitete Informationen und finden aktuelle Forschungsergebnisse sowie Literaturhinweise.

Einen Schwerpunkt bildet das komplexe Alterssyndrom Frailty, auf das sich – angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung – der Fokus verschiedener heilberuflicher Richtungen nach unserer Auffassung zwangsläufig richten muss.

Allgemeines zum Alterssyndrom Frailty

Der aus dem Englischen stammende Begriff Frailty ist inzwischen international etabliert. Auch im nicht englischsprachigen Ausland (z. B. Niederlande, Belgien, Frankreich, Dänemark) ist dieser Begriff auch außerhalb der Fachkreise, somit in der Bevölkerung, bekannt. Während die direkte Übersetzung ins Deutsche „Gebrechlichkeit“ bedeutet, verstehen die geriatrischen Fachkreise unter Frailty ein deutlich komplexeres, multidimensionales Alterssyndrom, das durch einen progredienten Verlust diverser Funktionen gekennzeichnet ist.

Frailty beschreibt demnach die Folgen eines altersabhängigen biologischen (Abbau-) Prozesses. In Folge von natürlichen Alterungsvorgängen und einer fortschreitenden Minderversorgung werden verschiedene interagierende biologische Systeme geschwächt. Es handelt sich also nicht um eine Veränderung oder den Ausfall eines einzigen Organs (Krankheit), sondern um eine Leistungsverminderung des biologischen Systems.

Das heißt: Der alternde Organismus verliert zunehmend an Leistungs- und Kompensationsfähigkeit und wird anfälliger für Erkrankungen.

Ein multimorbider Patient (Diabetes, Herzinsuffizienz) im Alter von 75 Jahren hat ein höheres Risiko frail (Adjektiv zu Frailty) zu sein, muss aber nicht das Alterssyndrom Frailty ausprägen. Umgekehrt kann eine Person, die an keiner spezifischen Erkrankungen leidet, die Symptomenkomplexe von Frailty zeigen.

Über die Definition von Frailty wurde bisher allerdings noch kein wissenschaftlicher Konsens gefunden.
 

Körperliches Frailty

Das klinische Bild des Frailty-Syndroms ist von einer zunehmenden Einschränkung diverser körperlicher Funktionen gekennzeichnet. Die körperliche Leistungsfähigkeit im Alter reduziert sich in mehreren Bereichen so sehr, dass mit den verbleibenden Reserven die Anforderungen des täglichen Lebens kaum bewältigt werden können. Vom Frailty-Zustand betroffene Menschen verlieren nicht selten an Gewicht, Muskelmasse bzw. -kraft.

Frailty und der Verlust von Muskelmasse (Sarkopenie) sind übrigens häufig vergesellschaftet, bedingen sich aber nicht zwangsläufig. Weitere Signale sind oftmals Erschöpfungszustände, nachlassende Mobilität und in Folge hohe gesundheitliche Anfälligkeit bzw. Verletzbarkeit. Treten bei dieser Gruppe akute Erkrankungen auf, die z.B. auch neue Medikamente oder Operationen erforderlich machen, sind viele alte Menschen kaum mehr in der Lage, körperliche Defizite zu kompensieren.

Kriterien für Frailty und Pre-Frailty nach Fried

Für die Identifikation des Frailty-Syndroms existiert eine Vielzahl von Mess-Instrumenten. Am häufigsten wird das Konzept von Fried et al. aus dem Jahr 2001 zugrunde gelegt, das Frailty anhand physischer Komponenten definiert. Werden drei oder mehr der nachfolgend genannten Kriterien erfüllt, liegt Frailty vor. Bei ein oder zwei Faktoren ist von Pre-Frailty als Prodromalstadium auszugehen.
 
Physische Komponenten nach Fried 
  1. Abnahme der Muskelkraft (Handkraft)
  2. Verlangsamung der Ganggeschwindigkeit
  3. Abnahme der körperlichen Aktivität
  4. subjektive Erschöpfung 
  5. ungewollter Gewichtsverlust 
 
 
 

Kognitives Frailty

Die Forschung zu Frailty hat bis vor einigen Jahren noch den Schwerpunkt auf körperliche Einschränkungen gesetzt. Mittlerweile rückt auch die während der Alterung nachlassende Leistungsfähigkeit des Gehirns (Gedächtnisleistung, Cognition) in den Fokus der Frailty-Forschung. Man differenziert inzwischen in körperliches Frailty (Physical Frailty) und  kognitives Frailty (Cognitive Frailty) – eine Sichtweise, die erst 2014 durch eine internationale Konsensusgruppe definiert wurde. 

Fulvio Lauretani, Arzt an der Universität von Parma und sein Forscherteam bestätigen den unmittelbaren Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und kognitiven Funktionen bei älteren Menschen. Regelmäßige Bewegung beschreiben sie als eine therapeutische Strategie, um ältere Patienten vor körperlichen und kognitiven Symptomen zu schützen. 

Schulen, wie Rockwood et al., fassen den Begriff Frailty weiter und zählen neben kognitiven auch psychosoziale und affektive  Defizite hinzu.

Die Folgen von Frailty

  • Anstieg des Sturzrisikos mit Knochenbrüchen
  • Einschränkungen und Behinderungen in den täglichen Aktivitäten des Lebens von der selbständigen Nahrungsaufnahme bis hin zu sämtlichen Sinneswahrnehmungen
  • Zeitweiser bis dauerhafter Bedarf an Hilfe und Betreuung (durch Immobilität) 
  • Verstärkte Infektanfälligkeit
  • Wachsende Verwundbarkeit und Verletzlichkeit (Vulnerabilität)
  • Erhöhtes Krankheits- und Sterberisiko


Diese Auswirkungen werden wahrscheinlicher, je mehr Frailty-Symptome sich beim alternden Menschen entwickelt haben und je ausgeprägter sie sind.

Risikofaktoren

Je nach genetischer Prädisposition beschleunigt durch eventuelle Risiken wie Fehlernährung (z. B. Vitamindefizite) und ungesunde Lebensführung (Rauchen, Alkoholmissbrauch, Schichtarbeit etc.) können sich körperliche und geistige Einschränkungen im Alter verstärken.  

Weitere Faktoren, die Frailty begünstigen: 

  1. Sarkopenie
  2. Kachexie
  3. Malnutrition

Sarkopenie

Bisher wurde ein über die Norm hinausgehender Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft im Alter als Sarkopenie bezeichnet. Die europäische Arbeitsgruppe „European Working Group on Sarcopenia in Older People“, in der mehrere internationale Fachgesellschaften vertreten waren, definierte Sarkopenie als progredienten und generalisierten Verlust von Masse und Kraft der Skelettmuskulatur (2010).

Im aktualisierten europäischen Konsensuspapier, das im Oktober 2018 veröffentlicht wurde, steht die verminderte Muskelkraft im Vordergrund, die auch eine schnelle Diagnosestellung in der täglichen Praxis erlaubt. Laut neuer Definition wird in eine primäre und eine sekundäre Sarkopenie unterschieden. Eine primäre Sarkopenie ist altersbezogen, während sekundäre Sarkopenien durch chronische Erkrankungen, Inaktivität sowie Über-, Unter- bzw. Mangelernährung verursacht werden. 

Sarkopenie geht nicht zwangsläufig mit einer Gewichtsabnahme einher. Auch übergewichtige Menschen können von ihr betroffen sein, ohne dass dies auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Sarkopenie, die jetzt als Muskelerkrankung auch einen ICD-Code (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme), gilt als wesentlicher Risikofaktor für das Entstehen des Frailty-Syndroms. Laut einer Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e.V. vom 26.07.2017 zum Thema „Muskelabbau und funktionelle Einschränkungen“ leiden aktuell 50 Millionen Menschen weltweit unter so starkem altersbedingten Muskelschwund, dass sie Gefahr laufen, zu stürzen oder ihren Alltag nicht mehr selbständig zu bewältigen.“ In der bisherigen klinischen Praxis wurde dieses Phänomen häufig übersehen und als unabänderlich im normalen Alterungsprozess angesehen.

Kachexie

Die Kachexie ist charakterisiert durch einen progressiven und ausgeprägten Gewichtsverlust und den Abbau vor allem von Muskelmasse. Meist tritt Kachexie im Rahmen einer schwerwiegenden Grunderkrankung auf, wie maligne Tumore, chronische Herzinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, rheumatoide Arthritis und Aids. 

In der Regel geht Kachexie mit einer akuten oder chronischen Inflammation einher, die an erhöhten Konzentrationen von Akute-Phase-Proteinen wie C-reaktivem Protein (CRP) erkennbar ist. Im Überschuss vorhandene proinflammtorische Zytokine wie IL-1beta, IL-6, TNF-alfa und Interferon gamma stimulieren die Muskelproteolyse und bremsen die Synthese von Muskelproteinen. Ferner wirken die proinflammtorischen Botenstoffe zentral appetithemmend.

Malnutrition

Die Leitlinie „Klinische Ernährung in der Geriatrie“ definiert Malnutrition als unbeabsichtigten Gewichtsverlust (> 5 % in 3 Monaten oder > 10 % in 6 Monaten) oder eine deutlich reduzierte Körpermasse (BMI < 20 kg/m2). Malnutrition ist die Folge einer unzureichenden Versorgung mit Kalorien, Proteinen, essenziellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen. Der Rückgang des Körpergewichts beruht hauptsächlich auf einem Abbau der Fettreserven. 

Die Ursachen beim älteren Menschen sind multifaktoriell: Einsamkeit, Trauer, Erkrankungen und Nebenwirkungen von Medikamenten können den Appetit reduzieren. Hinzu kommen häufig die altersbedingte Abnahme des Hungergefühls, Kau- oder Schluckprobleme sowie Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Zubereitung von Lebensmitteln. 

Die Folgen von Mangelernährung sind weitreichend. Der Abnahme von Fettmasse folgt der Abbau von Muskelmasse. Dadurch kann sich eine bereits vorhandene oder entwickelnde Frailty verstärken. 

Tabelle: Auswirkungen von Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie auf Körperzusammensetzung und Körpergewicht.

Malnutrition Sarkopenie Kachexie
Fettmasse
pfeilpfeil pfeil pfeilpfeil
Muskelmasse
gleichbleibend pfeilpfeil pfeilgleichbleibend
Gewicht
pfeilpfeil pfeilpfeilpfeil pfeilpfeilpfeil

Literaturquellen - Malnutrition:

  • Cruz-Jentoft AJ et al. Sarcopenia: European consensus on definition and diagnosis. Report of the European Working Group on Sarcopenia in Older People. Age and Ageing 2010; 39: 412-423
  • Fried LP, Tangen CM, Walston J et al. Frailty in older adults: evidence for a phenotype. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 2001; 56: M146-156
  • Rockwood K, Song X, MacKnight C et al (2005) A global clinical measure of fitness and frailty in el¬derly people. CMAJ 173(5): 489-495
  • Morley JE, Vellas B, Kan GA van et al (2013) Frail¬ty consensus: a call to action. J Am Med Dir Assoc 14(6):392-397
  • Volkert D et al. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) in Zusammenarbeit mit der GESKES, der AKE und der DGG. Klinische Ernährung in der Geriatrie. Aktuel Ernahrungsmed 2013; 38: e1-e48
  • Lauretani, Fulvio et al. Brain-muscle loop in the fragility of older persons: from pathophysiology in new organizing models, 23.2.2017

Epidemiologie

Die Zahlen zur Häufigkeit von Frailty variieren stark. Ein systematisches Review beziffert die Prävalenz von Pre-Frailty bei selbständig lebenden Senioren ab 65 Jahren mit 38 bis 53 %, Frailty hatte in derselben Altersgruppe eine Prävalenz von 4 bis 17 %. Ab einem Lebensalter von 80 Jahren stieg die Häufigkeit beider Syndrome deutlich an.

Für Deutschland benannte eine Arbeitsgruppe am Robert-Koch-Institut die Pre-Frailty-Prävalenz bei 65 bis 79 Jahre alten, zu Hause lebenden Senioren mit 40,4 % (Frauen) bzw. 36,9 % (Männer). Die Frailty-Prävalenz bei Frauen wurde mit 2,8 % beziffert, bei Männern mit 2,3%. Bei der Auswertung der Daten von 2.598 Personen (57 bis 84 Jahre) aus dem Saarland ergab sich eine Frailty-Prävalenz von 8,0 %.

Literaturquellen - Epidemiologie:

  • Artaza-Artabe I et al. The relationship between nutrition and frailty: Effects of protein intake, nutritional supplementation, vitamin D and exercise on muscle metabolism in the elderly. A systematic review. Maturitas 2016; pii: S0378-5122(16)30081-0.
  • Bock JO et al. Associations of frailty with health care costs – results of the ESTHER cohort study. BMC Health Services Research 2016; 16:128. 
  • Buttery AK et al. BMC Prevalence and correlates of frailty among older adults: findings from the German health interview and examination survey. Geriatrics 2015; 15:22.
  • Collard RM et al. Prevalence of frailty in community-dwelling older persons: a systematic review. J Am Geriatr Soc 2012; 60:1487-92.
  • Deutza, NEP et al. Protein intake and exercise for optimal muscle function with aging: Recommendations from the ESPEN Expert Group.Clin Nutr. 2014; 33(6): 929-936
  • Goisser S et al. The Role of Nutrition in Frailty: An Overview. J Frailty Aging. 2016; 5(2): 74-7.

Pathophysiologie

So komplex wie das Syndrom Frailty selbst ist, ist auch seine Pathogenese. Sie spielt sich u. a. auf hormoneller, nervaler und mitochondrialer Ebene ab und wird durch inflammatorische Prozesse verstärkt. Verschiedene Faktoren spielen dabei zusammen, beispielsweise die geringer werdende Synthese und Freisetzung anaboler Hormone wie Wachstumshormon, Insulin-like Growth Factor-1 und Testosteron.

Dies bedingt eine Abnahme der Muskelmasse und eine Zunahme des viszeralen Fettgewebes. Gleichzeitig steigt der Serumspiegel von Cortisol, das über verschiedene Mechanismen die Bildung von Muskelprotein hemmt. Die Reduktion der motorischen Kompetenz beruht neben der reduzierten Anzahl an Muskelfasern auf einer Einschränkung der mechanischen Muskelfunktion.

Dabei könnte ein altersassoziierter Rückgang von α-Motoneuronen eine Rolle spielen, die über die motorischen Endplatten die Skelettmuskelfasern innervieren und für die Muskelkontraktion zuständig sind. Des Weiteren wird über eine mitochondriale Dysfunktion als weiterer Faktor bei der Entstehung der Muskelschwäche diskutiert. 

Das Ausmaß des Muskelabbaus wird maßgeblich durch die individuelle körperliche Aktivität bestimmt, da diese die Synthese des Muskelproteins beeinflusst. Als wichtigste Risikofaktoren für Frailty gelten Bewegungsmangel und Mangelernährung, insbesondere eine unzureichende Zufuhr von Energie, Protein und Vitamin D. Zudem werden Wechselbeziehungen zu bestehenden Erkrankungen diskutiert.

Diagnostik

Für die Diagnose von Frailty sind die folgenden Faktoren relevant: Abnahme der Muskelkraft, Verlangsamung der Ganggeschwindigkeit, Abnahme der körperlichen Aktivität, subjektive Erschöpfung und ungewollter Gewichtsverlust. Die Konsensusgruppe Frailty empfiehlt ein grundsätzliches Screening bei allen Personen ab dem 70. Lebensjahr sowie bei chronisch Kranken mit einem Gewichtsverlust von über 5 % während der letzten 6 Monate. Über die Definitition von Frailty wurde bisher noch kein wissenschaftlicher Konsens gefunden.

Eine Abnahme der körperlichen Aktivität, eine subjektive Erschöpfung und ggf. psychosoziale, kognitive und affektive Defizite sind zunächst anamnestisch zu erfassen. Eine Bestimmung des Wadenumfangs mit einem Maßband ist nur eingeschränkt aussagekräftig, da Muskelmasse durch Fettgewebe ersetzt worden sein kann und so der Wadenumfang nicht verringert ist.

Muskelkraft

Als üblicher Test zur Bewertung der Muskelkraft dient die Messung der Handgriffstärke mittels Hand-Dynamometer. Die Handgriffstärke gilt als vermindert, wenn sie bei Männern unter 30 kg und bei Frauen unter 20 kg beträgt. Laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes von 2016 weisen 65 bis 79-jährige Frauen durchschnittlich eine maximale Greifkraft von 25,0 kg auf, Männer derselben Altersgruppe von 40,5 kg. Zu beachten ist, dass die Körpergröße einen Einfluss auf die Greifkraft hat – mit steigender Körpergröße nimmt diese zu.

Ganggeschwindigkeit

Die Ganggeschwindigkeit ist ein Maß für die körperliche Leistungsfähigkeit. Liegt sie unter 0,8 Meter pro Sekunde (= 2,88 km/h), ist die Leistungsfähigkeit in den meisten Fällen eingeschränkt, und es besteht ein erhöhtes Sturzrisiko. In der hausärztlichen Praxis ist es sinnvoll, die Ganggeschwindigkeit regelmäßig zu messen, beispielsweise einmal jährlich. Verschlechterungen des Gehtempos sollten ernst genommen werden, da sie auf eine beginnende Frailty hinweisen können.

Bildgebende Verfahren

Der Muskelabbau kann mit bildgebenden Verfahren dokumentiert werden. Für die Arztpraxis kommen meist Dual-Röntgen-Absorptiometrie-Verfahren (DXA oder DEXA) oder die Bioimpedanz-Analyse in Frage. Sie erlauben, zwischen Fettgewebe und fettfreiem Gewebe zu unterscheiden und damit die Muskelmasse abzuschätzen. Des Weiteren sind Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) geeignete Verfahren, um die Muskelmasse darzustellen.

Literaturquellen - bildgebende Verfahren:

  • http://www.allgemeinarzt-online.de/a/1690711
  • Morley, J.E. et al. Frailty Consensus: A Call to Action. J Am Med Dir Assoc. 2013; 14(6): 392-397
  • Robert Koch-Institut. Faktenblatt zu DEGS1: Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (2008 – 2011). Greifkraft im höheren Lebensalter. 2016

Bedeutsame Nährstoffe

Für die Prävention und Behandlung von Frailty spielt die Ernährung eine herausragende Rolle. Wichtig sind vor allem die adäquate Energiezufuhr und die ausreichende Versorgung mit hochwertigem Protein und Vitamin D. Darüber hinaus sind weitere Nährstoffe in der Diskussion, die sich vermutlich positiv auf den Erhalt der Muskelmasse und -kraft sowie auf die körperliche Leistungsfähigkeit auswirken.

Protein

Proteinreiche Kost hat einen positiven Einfluss auf den Muskelaufbau. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Proteinzufuhr bei Erwachsenen liegt derzeit bei 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Allerdings wird in Expertenkreisen intensiv diskutiert, ob nicht im Alter eine erhöhte Proteinzufuhr dazu beitragen könnte, Muskulatur, Körperfunktionen und Gesundheit zu erhalten.

Dabei stehen Empfehlungen zwischen 1,0 und 2,0 g/kg Körpergewicht (KG) zur Debatte. Allerdings gibt es derzeit keine Evidenz für diese Mengen. Immerhin empfiehlt die aktuelle Leitlinie zur klinischen Ernährung in der Geriatrie täglich 0,8 bis 1,2 g/kg KG. Für ältere Menschen mit schweren Erkrankungen werden 1,5 g/kg KG/Tag und mehr diskutiert, wenn keine Niereninsuffizienz vorliegt. 

Die biologische Wertigkeit der Nahrungsproteine hängt von der Zusammensetzung und Menge der enthaltenen Aminosäuren ab, insbesondere der essenziellen Aminosäuren. Untersuchungen weisen darauf hin, dass die verzweigtkettige essenzielle Aminosäure Leucin eine signifikante Steigerung der Proteinsynthese bei älteren Menschen bewirken kann.

Vitamin D

Die Hauptquelle für Vitamin D ist die subkutane Eigensynthese bei Sonnenlichtexposition (UVB-Strahlen). Da die Vitamin-D-Synthese bei älteren Personen aufgrund der Hautalterung abnimmt und sich Senioren oft wenig in der Sonne aufhalten, kommt der Vitamin-D-Aufnahme über die Ernährung im höheren Lebensalter eine große Bedeutung zu. In den meisten Fällen kann der Vitamin-D-Bedarf jedoch auf diesem Wege nicht gedeckt werden. Daher ist Vitamin-D-Mangel im Alter weit verbreitet. Die Leitlinien für klinische Ernährung in der Geriatrie empfiehlt, 20 μg (800 IU) Vitamin D pro Tag zu supplementieren.

Untersuchungen haben gezeigt, dass ein niedriger Vitamin-D-Status (< 50 nmol/L 25-OH-Vitamin D) mit einer niedrigen Muskelmasse, verminderter körperlichen Aktivität und einem erhöhten Sturz- und Fraktur-Risiko einhergeht.

Weitere Substanzen

Kreatin stellt als Kreatinphosphat eine wichtige Energiequelle für den Körper dar. Studien deuten darauf hin, dass die Kreatinzufuhr Muskelaufbau und -funktionalität fördern kann, wenn sie mit körperlicher Aktivität kombiniert wird. 

Auch die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren kann offenbar einen Beitrag in der Prävention von Sarkopenie und Frailty leisten. Möglicherweise wirken die Fettsäuren durch die Hemmung von oxidativem Stress und inflammatorischen Mechanismen, die in der Pathophysiologie von Sarkopenie und Frailty eine wichtige Rolle spielen. 

Ornithinketoglutarat (OKG) ist eine Vorstufe verschiedener Aminosäuren sowie von anderen bioaktiven Substanzen im Proteinstoffwechsel. OKG stimuliert die Sekretion anaboler Hormone, wie Insulin und Wachstumshormon. Beim Menschen konnten nach oraler oder intravenöser Applikation von OKG anabole Effekte bei auszehrenden Erkrankungen gezeigt werden. Daten zum Einsatz bei Frailty liegen bislang allerdings nicht vor. 

Auch der Leucin-Metabolit Hydroxymethylbutyrat und Ursolsäure wird hinsichtlich seiner Wirkungen auf den Muskelstoffwechsel untersucht. Die Zukunft wird zeigen, welche dieser Substanzen für die Prävention und Behandlung von Frailty geeignet sind.

Literaturquellen:

  • Bauer, JM et al. Effects of a Vitamin D and Leucine-Enriched Whey Protein Nutritional Supplement on Measures of Sarcopenia in Older Adults, the PROVIDE Study: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial. JAMDA 16 (2015) 740e747.
  • Beasley J M et al. The role of dietary protein intake in the prevention of sarcopenia of aging Nutr Clin Pract. 2013 December ; 28(6): 684-690.
  • Calvani R et al. Current nutritional recommendations and novel dietary strategies to manage sarcopenia. J Frailty Aging. 2013 ; 2(1): 38-53.
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE), Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung (SGE), Schweizerische Vereinigung für Ernährung (SVE) (Hrsg.) (2015) Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Vitamin D. Neuer Umschau Buchverlag, 2. Aufl.
  • Volkert D et al. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) in Zusammenarbeit mit der GESKES, der AKE und der DGG. Klinische Ernährung in der Geriatrie Aktuell Ernährungsmed. 2013; 38: e1–e48.

Muskulatur gezielt aufbauen und erhalten

Der Mensch ist bis ins höchste Alter trainierbar. Durch ein zielgerichtetes Krafttraining lässt sich der Abnahme von Maximal- und Schnellkraft der Muskeln effektiv entgegenwirken. So werden funktionelle Bewegungsabläufe beim alternden Menschen stabilisiert bzw. wieder verbessert. Letztlich ist es das Trainingsziel, die Lebensqualität zu steigern und die Alltagskompetenz möglichst lange zu erhalten.

Krafttraining im Alter

Ein Cochrane-Review, das 121 randomisierte, kontrollierte Untersuchungen mit rund 6700 Teilnehmern einschloss, zeigte, dass durch ein zwei- bis dreimal wöchentliches Krafttraining eine deutliche Steigerung der Muskelkraft, eine moderate Zunahme der Gehstrecke, ein leichteres Aufstehen aus dem Sitzen und eine subjektiv höhere Mobilität erzielt wird. Ferner ließen sich eine höhere Ausdauerleistungsfähigkeit, eine gesteigerte mitochondriale Kapazität und eine Reduktion der Ruheherzfrequenz belegen. 

Das American College of Sports Medicine empfiehlt zur Erhaltung der Muskelmasse und Mobilität für über 65-jährige Erwachsene 8 bis 10 Kraftübungen à 10 bis15 Wiederholungen an 2 bis 3 Tagen pro Woche. Andere Autoren raten gesunden Senioren zu drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche. Für einen Anstieg der Muskelkraft sollte die Belastungsintensität nach sechs bis acht Wochen an das erhöhte Kraftniveau angepasst werden, um weiterhin einen adäquaten Trainingsreiz zu setzen. Bei niedrigem Ausgangsniveau kann auch eine geringere Trainingsfrequenz zu Beginn schon Erfolge bringen. Das Training ist langfristig durchzuführen, andernfalls kommt es wieder zum Verlust von Muskelmasse und -kraft.

Bewegungsangebote für Senioren 

Nebenwirkungen sind nicht zu befürchten, wenn das Training auf den Patienten angepasst ist. In Studien wurden gelegentlich muskulo-skelettale Beschwerden nach dem Training dokumentiert. Grundsätzlich spricht somit nichts dagegen, dass ältere Menschen unter fachlicher Anleitung ein klassisches Krafttraining an Geräten und mit Hanteln absolvieren.
 
Viele Fitnesscenter und Sportvereine richten ihr Angebot mittlerweile gesundheitsorientierter aus und bieten spezielle Bewegungsangebote für Senioren an.

Ganzkörpervibration oder Ganzkörper-Elektromyostimulation

Für Menschen, die wenig Freude an Bewegung haben oder solche, die aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht trainieren können, ist die Ganzkörpervibration oder Ganzkörper-Elektromyostimulation eine Option. Ein Vibrationstraining kann bei Menschen mit einem niedrigen Ausgangsniveau die Muskelkraft signifikant und in ähnlichem Umfang steigern wie klassisches Krafttraining.

Bei dem Verfahren steht der Patient mit beiden Füßen auf einer Platte, von der hochfrequente Schwingungen ausgehen. Diese stimulieren die Muskeleigenreflexe und aktivieren die Muskulatur. Schon drei wöchentliche Einheiten von 15 Minuten können die Muskelkraft deutlich verbessern.

Bei einer Ganzkörper-Elektromyostimulation werden Muskelzellen über Elektroden auf der Haut mit niedriger Stromstärke niederfrequent innerviert. In einer Studie an der Universität Erlangen-Nürnberg zeigte sich, dass ein WB-EMS-Training verschiedene Sarkopenie-Parameter bei sportlich inaktiven älteren Frauen signifikant verbessert.

Literaturquellen:

  • American college of sports medicine (ACSM). Quantity and quality of exercise for developing and maintaining cardiorespiratory, musculoskeletal, and neuromotor fitness in apparently healthy adults: guidance for prescribing exercise. Med. Sci. Sports Exerc. 2011;43 (7):1334-1359
  • Kaeding, T. S., Sarkopenie und Vibrationstraining. Zeitschr. Gerontol. u. Geriatr. 2009;2:88-92
  • Kemmler W, et al. Ganzkörper-Elektromyostimulation zur Prävention der Sarkopenie bei einem älteren Risikokollektiv. Die TEST-III Studie. Dtsch Z Sportmed 2012; 63:343-350
  • Kemmler, W., Stengel, v. S. Alternative Exercise Technologies to Fight against Sarcopenia at Old Age: A Series of Studies and Review. Journal of Aging Research Epub 2012 Feb 20
  • Liu CJ, Latham NK. Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD002759
  • Mayer R et al. The intensity and effects of strength training in the elderly. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(21): 359-64
  • Zahner L. et al. Krafttraining im Alter: Hintergründe, Ziele und Umsetzung. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 2014; 62 (4):23-28

Ansätze zur Pharmakotherapie

 

Medikamente zur Behandlung von Sarkopenie und Frailty stehen derzeit zwar noch nicht zur Verfügung, doch wird auf diesem Gebiet intensiv geforscht. Getestet werden beispielsweise selektive Androgene, Ghrelin-Agonisten, Myostatin-Antikörper, Troponin-Aktivatoren und ACE-Hemmer.

Bei den ACE-Hemmern könnten verschiedene Effekte im Hinblick auf Frailty nützlich sein: die Verbesserung der Endothelfunktion, der Durchblutung der Muskulatur und der Glucoseaufnahme in die Muskelzelle sowie eine Modulation hormoneller Regelkreise, zum Beispiel von Insulin Growth Factor-1 (IGF-1). Schließlich könnten ACE-Hemmer eine direkte trophische Wirkung auf den Skelettmuskel haben, wie dies schon vom Herzmuskel bekannt ist. 

Studien mit Wachstumshormonen und Testosteron zeigten bislang keinen Erfolg bzw. führten zu nicht tolerierbaren Nebenwirkungen.

Literaturquellen - Pahrmakotherapie:

  • Haehling von S et al. From muscle wasting to sarcopenia and myopenia: update 2012. J Cachexia Sarcopenia Muscle. 2012 Dec;3(4):213-7
  • Morley JE et al. Pharmacologic Options for the Treatment of Sarcopenia. Calcif Tissue Int. 2016 Apr; 98(4):319-33

Internationale Initiativen

AGING IN MOTION

„Aging in Motion“ (AIM) ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die sich mit der Erforschung und der Behandlung von Sarkopenie und altersbedingten Funktionsverlusten beschäftigen.
aginginmotion.org


FRAILOMIC

Der Name „Frailomic” steht für eine internationale Initiative, die sich mit dem Fortschreiten von Frailty beschäftigt. Letztlich sollen u.a. klinische Instrumente entwickelt werden, die das Frailty-Risiko verringern und die Diagnostik verbessern.
www.frailomic.org


SPRINTT

Ziel des SPRINTT-Projektes ist es, die Lebensqualität alter Menschen zu verbessern, indem Frailty verhindert oder aber wirkungsvoll behandelt wird. Dazu sollen körperliches Training, Ernährungsinterventionen und der Einsatz moderner Technologien kombiniert werden.
www.mysprintt.eu


VIVIFRAIL

Das Projekt „Vivifrail“ bemüht sich, das Wissen in der Bevölkerung über Frailty zu verbessern und eine gute Behandlungspraxis zu implementieren. So sollen Trainingsprogramme entwickelt werden, die über Internet, Fernsehen oder Apps ältere Menschen erreichen. Zudem sollen Materialien für Ärzte und Trainer entwickelt werden.
www.vivifrail.com

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